Wenn jede Bewegung schmerzt

Rheuma ist häufig und trifft nicht nur alte Menschen. Nehmen Sie die Erkrankung ernst und gehen Sie frühzeitig zum Facharzt.

Steife Gelenke, Kreuzschmerzen und Einschränkungen im alltäglichen Leben – Probleme, die man vor allem von älteren Mitmenschen oft zu hören bekommt. Doch wer denkt, auf Rheuma müsse man sich erst nach der Pensionierung gefasst machen, für den hat Priv. Doz. Dr. Burkhard Leeb, ernüchternde Zahlen: Allgemein heißt es, das Risiko, irgendwann im Leben an Rheuma zu leiden, liege bei 80 Prozent. Leeb ist sogar der Meinung, dass es jeden Menschen einmal trifft. „Irgendeine rheumatische Beschwerde kriegen wir alle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann im Leben“, meint Leeb. Rheuma ist grundsätzlich alles, was im Bewegungsapparat weh tut, sagt Leeb: „Das muss aber nicht heißen, dass diese Beschwerden wirklichen Krankheitswert haben, also langfristig beeinträchtigen.“ Rheumatische Beschwerden wie gelegentliche Rückenschmerzen zum Beispiel sind also nicht dasselbe wie Rheuma als Erkrankung. Doch was verbirgt sich hinter dem ziemlich unscharfen Begriff Rheuma? „Darunter werden bis zu vierhundert verschiedene Krankheitsbilder zusammen­gefasst“, erklärt Leeb. „Allen gemeinsam ist der Schmerz in Gelenken, Sehnen und Muskeln.“ Der Schmerz ist es auch, der die meisten Patienten zum Arzt führt.

Eine Krankheit, viele Gesichter

Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken und der Wirbelsäule können ganz verschiedene Ursachen haben. Man teilt sie in vier Gruppen ein:

  • entzündlich rheumatische Erkrankungen
  • nicht-entzündliche degenerative Erkrankungen (Arthrosen)
  • Weichteil-Rheumatismus
  • Gelenksbeschwerden, die durch Ablagerungen in den Gelenken entstehen

Bekannteste Vertreterin der letzteren Gruppe ist die Gicht. Durch zu viel Fleisch- und Alkoholkonsum entstehen große Mengen an Abbauprodukten, die nicht ausgeschieden werden können und sich in den Gelenken ablagern, wo sie Entzündungen verursachen. Ernährungsumstellung und Medikamente können hier effektiv helfen.
Nicht so einfach zu begründen sind die rheumatischen Beschwerden in Weichteilen, also Muskeln und Bindegewebe. Die Fibromyalgie ist ein Beispiel für Weichteil-Rheumatismus. Bei diesem Krankheitsbild, bei dem im schlimmsten Fall der ganze Körper schmerzen kann, stoßen Mediziner oftmals an ihre Grenzen. Die Betroffenen haben starke Schmerzen und sind in ihren Bewegungen eingeschränkt. Vermutlich besteht eine Verbindung zur Psyche, wirklich erklärbar ist das Leiden jedoch noch nicht. Die Behandlung besteht meist aus antidepressiv wirksamen Medikamenten, physikalischer Therapie, Psychotherapie und Trainingstherapie.

Entzündlich-rheumatisch

Von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind besonders häufig junge Menschen betroffen. Sie gehören zu den Autoimmunerkrankungen und können ohne Behandlung einen aggressiven Verlauf nehmen, sind jedoch eher selten. Die rheumatoide Arthritis ist wohl ihre bekannteste Vertreterin. Dabei kommt es zur Entzündung von Gelenken, wobei kein Erreger im Spiel ist, sondern das eigene Abwehrsystem den Körper angreift. Antikörper im Blut verwechseln das körpereigene Gewebe des Gelenks mit Fremdmaterial und attackieren es. Schwellung und Entzündung entstehen, besonders betroffen sind die kleinen Gelenke in Händen und Füßen. Die genaue Ursache ist nicht bekannt, die Erkrankung ist auch genetisch bedingt. Typisch für die rheumatoide Arthritis sind die Morgen­steifigkeit und der Druckschmerz der Gelenke. Unbehandelt schreitet die Krankheit immer weiter fort und führt im Alter zu Deformationen und Versteifung der Gelenke. „Die meisten Patienten, die bei uns stationär behandelt werden, leiden an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Sie können jeden betreffen, vom Neugeborenen bis zum Greis“, sagt Leeb. Neben rheumatoider Arthritis fallen in diese Kategorie auch Entzündungen der Wirbelsäule (Spondyloarthritiden), Kollagenosen (Bindegewebserkrankungen) wie zum Beispiel Lupus erythematodes, und Vaskulitiden, bei denen die Blutgefäße entzündet sind. „Die entzündlichen Gelenkserkrankungen, wie etwa rheumatoide Arthritis, haben längst ihren Schrecken verloren“, kann Leeb eine erfreuliche Bilanz ziehen. „Sie sind heute sehr gut behandelbar – je früher desto besser.“

Für immer verloren

Weitaus weniger spektakulär und eher schleichend präsentieren sich die degenerativen Erkrankungen, die Arthrosen. Der Volksmund kennt sie als Abnützungserscheinungen oder „Alters-Wehwehchen“. Die Arthrosen stellen die häufigsten Erkrankungen des Bewegungsapparates dar. „Das sind die rheumatologischen Erkrankungen, die sozioökonomisch die größte Bedeutung haben“, weiß der Experte, weil durch sie Menschen arbeitsunfähig werden. „Aber es sind leider auch die Erkrankungen, gegen die wir am wenigsten tun können.“ Denn bei den degenerativen rheumatischen Erkrankungen wird die Knorpelschicht, die den Knochen am Gelenk schützend umgibt und das reibungslose Gleiten des Gelenks ermöglicht, dünner und verschwindet schließlich ganz. Das passiert im Alter oder wenn das Gelenk falsch belastet wird, wie etwa bei starkem Übergewicht, Fehlstellungen oder Wirbelsäulenverkrümmung. Knorpelgewebe hat die unerfreuliche Eigenschaft, nicht nachzuwachsen, wodurch einmal verloren gegangener Knorpel nicht ersetzt werden kann. Am häufigsten trifft es Hüft- und Kniegelenke (man spricht von Gon­arthrose und Coxarthrose), aber auch Hände und Wirbelsäule. Die Schmerzen werden typischerweise durch Belastung ausgelöst und verschlimmern sich im Laufe des Tages. Oft kann man auch ein reibendes oder knirschendes Geräusch bei Bewegung hören. Entzündet sich das Gelenk durch die übermäßige Belastung zusätzlich, spricht man von einer aktivierten Arthrose, die äußerst schmerzhaft sein kann.
Da der Knorpel unwiederbringlich verloren ist, kann der Schmerz nur medikamentös unterdrückt oder das Gelenk künstlich ersetzt werden. Das Ziel ist, genauso wie bei allen anderen rheumatologischen Krankheiten, die Schmerzen zu lindern und die Funktion des Gelenks so lange wie möglich zu erhalten. „Die Herausforderung der Zukunft ist definitiv die Behandlung der Arthrose“, ist sich Leeb sicher.

Sehen, hören, fühlen

Kommt ein Patient oder eine Patientin mit schmerzenden oder geschwollenen Gelenken in die rheumatologische Ordination, ist der wichtigste Schritt eine genaue körperliche Untersuchung und ein ausführliches Gespräch: Wann und wo die Beschwerden genau auftreten, was sie besser und was sie schlimmer macht, ist essentiell und führt oft direkt zu einer Diagnose – ohne Blutabnahme und Röntgen. Leeb erklärt: „Nach der Untersuchung und wegen der Informationen, die wir vom Patienten bekommen, wissen wir in den allermeisten Fällen, womit wir es zu tun haben. Bildgebende Verfahren und Blutlabor dienen eher der Erhärtung oder Entkräftung einer schon gestellten Diagnose.“ Untersuchungen mittels Röntgen oder Ultraschall können außerdem Auskunft darüber geben, wie weit die Erkrankung schon fortgeschritten ist und welche Gewebe geschädigt sind.
Im Blut kann man Entzündungszeichen und Antikörper nachweisen, wie sie zum Beispiel bei der rheumatoiden Arthritis vorkommen.

Therapie

So vielfältig wie die unter dem Begriff Rheuma zusammengefassten Krankheitsbilder sind auch ihre Therapiemöglichkeiten. „Im Vordergrund steht die Behandlung des Schmerzes“, fasst Leeb zusammen. „Dazu gibt es Medikamente, Ergotherapie und physikalische Therapie. Wichtig, wenn auch bei den Patienten nicht gerade beliebt, ist dabei, dass man selbst etwas tut.“ Im Alltag trotz der Erkrankung aktiv zu bleiben, dieses Ziel wird mit Ergo- und Physiotherapie verfolgt: Wie führe ich Bewegungen gelenkschonend aus? Wie bleiben die Muskeln kräftig genug, um die betroffenen Gelenke zu stützen? Physikalische Therapie mit Strom, Wärme- oder Kältebehandlungen kann Beschwerden lindern. Medikamente werden gegen die Schmerzen eingesetzt, oder wie zum Beispiel bei der rheumatoiden Arthritis, zur Unterdrückung des überaktiven Immunsystems. Zuletzt gibt es auch die Möglichkeit der Operation, bei der Teile des Gelenks entfernt oder das Gelenk künstlich ersetzt werden kann.
Laut Leeb hat sich die Prognose rheumatischer Erkrankungen in den letzten dreißig Jahren stark verbessert. Das heißt, dass Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität lange erhalten und Schmerzen immer besser beherrscht werden können. „Es ist meist nicht so, dass man nichts mehr von der Krankheit spürt, aber es ist möglich, einen Zustand zu erzielen, der ein im Wesentlichen normales Leben erlaubt.“